Cyberpunk Manifest


(Foto von maebmij)

Wir sind die ELEKTRONISCHEN GEISTER, eine Gruppe von frei-denkenden Rebellen.
Cyberpunks.
Wir leben im Cyberspace, wir sind ueberall, wir kennen keine Grenzen.
Dies ist unser Manifest. Das Manifest der Cyberpunks.

I. Cyberpunk

1/ Wir sind es, die Anderen. Ratten der Technologie, die in einem Ozean der
Information schwimmen. 2/ Wir sind die zurueckgezogenen, kleinen Kinder in der
Schule, die am letzten Tisch sitzen, in der Ecke des Klassenraums. 3/ Wir sind
die Teenager, die jeder fuer sonderbar haelt. 4/ Wir sind der Student, der in
Computersysteme eindringt, die Reichweite seines Koennens erforschend. 5/ Wir
sind der Erwachsene im Park, auf einer Bank sitzend, einen Laptop auf den
Knien, die letzte virtuelle Realitaet programmierend. 6/ Uns gehoert die
Garage, vollgestopft mit Elektronik. Den Lotkölben auf der Tischecke und das
fast voellig auseinander geschraubte Radio – auch sie gehoeren uns. Unser ist
der Keller mit den Computern, den brummenden Druckern und den piependen
Modems. 7/ Wir sind jene, die die Realitaet anders sehen. Unsere Weltsicht
zeigt mehr als das, was gewoehnliche Menschen sehen koennen. Sie koennen nur
die Huelle sehen, wir jedoch sehen auch den Inhalt. Das ist es, was wir sind –
Realisten mit den Brillen der Traeumer. 8/ Wir sind diese merkwuerdigen
Personen, in der Nachbarschaft fast unbekannt. Personen, in ihren eigenen
Gedanken vertieft, die Tag fuer Tag vor dem Computer sitzen, das Netz nach
irgendwas durchwuehlend. Wir verlassen unser Haus nicht oft, hin und wieder,
nur um zu dem naechsten Elektronik-Laden zu gehen, oder zu der ueblichen
Kneipe um ein paar unserer Freunde zu treffen, einen Kunden oder einen
Hinterhof-Chemiker…oder einfach nur fuer einen Spaziergang. 9/ Wir haben
nicht viele Freunde, nur einige wenige mit denen wir zu Parties gehen. Alle
anderen kennen wir im Netz. Dort sind unsere richtigen Freunde, am anderen
Ende der Leitung. Wir kennen sie aus unserem Lieblings-Kanal im IRC, aus den
News-Groups, aus den Systemen in denen wir unsere Zeit verbringen. 10/ Wir
sind jene, die nichts darauf geben, was die Leute ueber uns denken, es
interessiert uns nicht, wie wir aussehen oder was die Leute ueber uns sagen,
wenn wir nicht da sind. 11/ Die meisten von uns bevorzugen ein Leben im
Versteck, bekannt nur bei allen, mit denen der Kontakt unvermeidlich ist. 12/
Andere lieben die Bekanntheit, sie lieben Ruhm. Im Untergrund kennt sie jeder.
Oft hoert man ihre Namen. Aber wir sind alle unter einem Dach vereint – wir
sind Cyberpunks. 13/ Die Gesellschaft versteht uns nicht, in den Augen der
gewoehnlichen Menschen, die weit ab von Informationen und freien Gedanken
leben, sind wir die „Sonderbaren“ und „Verrueckten“. Die Gesellschaft verneint
unsere Art zu Denken – eine Gesellschaft, die nur eine einzige Art und Weise
lebt, denkt und atmet – einem Klischee. 14/ Sie verneinen uns weil wir denken
wie freie Menschen, und freies Denken ist verboten. 15/ Cyberpunk hat ein
aeusseres Erscheinungsbild, es ist keine Bewegung. Cyberpunks sind Personen,
angefangen beim unbekannten, einfachen Menschen, ueber den kuenstlerischen
Technologie-Besessenen, den Musiker, der elektronische Musik macht, bis hin
zum oberflaechlichen Gelehrten. 16/ Cyberpunk ist kein literarisches Genre
mehr, nicht mal mehr eine einfache Subkultur. Cyberpunk ist eine frei-stehende
neue Kultur, Abkoemmling des neuen Zeitalters. Eine Kultur, welche die
gemeinsamen Interessen und Ansichten vereinet. Wir sind eine Einheit. Wir sind
Cyberpunks.

II. Gesellschaft

1/ Die uns umgebende Gesellschaft ist verstopft mit Konserativitaet, die alles
und jeden an sich zieht, waehrend sie langsam im Triebsand der Zeit untergeht.
2/ So sehr einige sich auch weigern es zu glauben, wir leben ganz
offentsichtlich in einer kranken Gesellschaft. Die sogenannten Reformen, mit
denen unsere Regierungen geschickt prahlen, sind nichts weiter als ein kleiner
Schritt nach vorne, wenn man eine ganzen Sprung haette machen koennen. 3/
Menschen fuerchten sich vor dem Neuen und dem Unbekannten. Sie bevorzugen die
alten, die bekannten und erprobten Wahrheiten. Sie haben Angst vor dem, was
das Neue ihnen bringen koennte. Sie haben Angst, das zu verlieren, was sie
haben. 4/ Ihre Angst ist so stark, dass sie den Revolutionaer zum Feind
ausgerufen haben und die freie Idee zu seiner Waffe. Das ist ihr eigener
Fehler. 5/ Menschen muessen diese Angst vergessen und weitergehen. Was macht
es fuer einen Sinn, sich an dem festzuhalten was man hat, wenn man morgen mehr
haben koennte. Alles was sie tuen muessen, ist ihre Haende auszustrecken und
das Neue zu fuehlen; ihren Gedanken Freiheit zu geben, ihren Ideen, ihren
Worten. 6/ Seit Jahrhunderten wurden die Generationen nach dem gleichen Schema
aufgezogen. Ideale sind es, denen jedermann folgt. Individualitaet wurde
vergessen. Die Menschen denken alle nach dem gleichen Muster, folgen dem
Klischee, das ihnen in ihrer Kindheit eingepaukt wurde, die Klischee-Bildung
fuer alle Kinder: Und sobald jemand es wagt, die Autoritaeten zu verweigern,
wird er bestraft und als schlechtes Beispiel zur Schau gestellt. „Hier sieht
man, was passiert, wenn die eigene Meinung ausgedrueckt und die des Lehrers
verneint wird“. 7/ Unsere Gesellschaft ist krank und muss geheilt werden. Das
Heilmittel ist eine Veraenderung des Systems…

III. Das System

1/ Das System. Jahrhunderte alt, auf Prinzipien beruhend, die heutzutage nicht
mehr greifen. Ein System, das sich seit dem Tag seiner Geburt kaum veraendert
hat. 2/ Das System ist falsch. 3/ Das System muss uns seine Wahrheit
aufdruecken, damit es regieren kann. Die Regierung braucht blinden Gehorsam.
Aus diesem Grund leben wir in einem Niedergang der Infomationen. Sobald die
Menschen ihre Informationen nur noch von der Regierung erhalten, koennen sie
nicht mehr richtig und falsch von einander unterscheiden. So wird aus der
Luege eine Wahrheit – eine Wahrheit, massgeblich fuer alles andere. In dem
Sinne kontrollieren die Fuehrer und die einfachen Menschen koennen nicht
ersehen, was wahr ist und was nicht, sie folgen der Regierung blind, in
vollstem Vertrauen. 4/ Wir kaempfen fuer die Freiheit der Informationen. Wir
kaempfen fuer die Meinungs- und die Pressefreiheit. Fuer die Freiheit unsere
Gedanken frei auszudruecken, ohne vom System verfolgt zu werden. 5/ Selbst in
denen am hoechsten entwickelten, ‚demokratischen‘ Laendern veroeffentlicht die
Regierung Fehlinformationen. Sogar in den Laendern, die so tun, als waeren sie
die Wiege der Meinungsfreiheit. Fehlinformation ist eine der groessten Waffen
des Systems. Eine Waffe, die sie gekonnt einsetzen. 6/ Es ist das Netz, das
uns hilft die Informationen frei zu verteilen. Das Netz, ohne Grenzen und
Beschraenkungen. 7/ Unser ist deines, deines ist unser. 8/ Jeder kann
Informationen teilen, keine Restriktionen. 9/ Verschluesselung der Information
ist unsere Waffe. So kann das Wort der Revolution ungehindert verteilt werden
und die Regierung kann nur raten. 10/ Das Netz ist unser Reich, dort sind wir
die Koenige. 11/ Gesetze. Die Welt aendert sich, die Gesetze bleiben jedoch
die gleichen. Das System aendert sich nicht, es sind nur einige Details die
immer wieder ein neues Gesicht bekommen, das Konzept bleibt bestehen. 12/ Wir
brauchen neue Gesetze, angepasst an die Zeit in der wir leben, mit der Welt,
wie sie uns umgibt. Keine Gesetze, die auf Basis der Vergangenheit geschaffen
werden. Gesetze, fuer heute geschaffen, Gesetze, die auch morgen noch passen.
13/ Gesetzte, die uns einfach nur einschraenken. Gesetze, die eine Erneuerung
schwer noetig haben.

IV. Die Vision

1/ Manche Menschen interessiert es nicht, was auf der Welt passiert. Sie
kuemmern sich um das, was um sie herum passiert, in ihrem Mikro-Universum. 2/
Diese Menschen koennen nur eine dunkle Zukunft sehen, denn sie sehen nur ihr
jetziges Leben. 3/ Andere zeigen Interesse fuer das, was weltweit passiert.
Sie interessieren sich fuer alles, fuer die Perspektive der Zukunft und fuer
das, was global passiert. 4/ Sie haben eine eher optimistische Ansicht. Fuer
sie ist die Zukunft sauber und schoener, denn sie koennen in sie hinein sehen
und sie erkennen einen erwachseneren Menschen, eine weisere Welt. 5/ Wir sind
in der Mitte. Wir interessieren uns fuer das was jetzt geschieht, aber auch
fuer die Ereignisse von morgen. 6/ Wir schauen in das Netz, und das Netz
waechst und waechst. 7/ Bald wir das Netz alles verschlungen haben: vom
Militaersystem bis zu dem PC auf dem privaten Schreibtisch. 8/ Aber das Netz
ist ein Haus der Anarchie. 9/ Es kann nicht kontrolliert werden, da liegt auch
seine Staerke. 10/ Jeder wird vom Netz abhaengig sein. 11/ Alle Informationen
werden dort sein, verschlossen in den Abgruenden von Nullen und Einsen. 12/
Wer das Netz kontrolliert, der kontrolliert die Informationen. 13/ Wir leben
in Mischung der Vergangenheit und der Gegenwart. 14/ Das Schlechte kommt vom
Menschen, das Gute kommt aus der Technologie. 15/ Das Netz wird die kleinen
Menschen kontrollieren und wir werden das Netz kontrollieren. 16/ Denn wenn
man nicht selbst kontrolliert, wird man kontrolliert werden. 17/ Informationen
sind MACHT!

V. Wer sind wir?

1/ Wer sind wir? 2/ Wir alle leben in einer kranken Welt, in der Hass eine
Waffe ist und Freiheit ein Traum. 3/ Die Welt waechst so langsam. Fuer eine
Cyberpunk ist es schwer, in einer unterentwickelten Welt zu leben, die
Menschen um ihn herum betrachtend, erkennend, wie sie sich falsch entwickeln.
4/ Wir versuchen, hervorzubrechen und sie ziehen uns wieder zurueck. Die
Gesellschaft unterdrueckt uns. Ja, sie unterdrueckt die Gedankenfreiheit. Mit
ihren grausamen Bildungsprogrammen in Schulen und Universitaeten. Sie druecken
den Kindern ihre Ansichten auf und jeder Versuch, eine andere Meinung
auszudruecken wird verhindert und bestraft. 5/ Unsere Kinder werden in diesem
alten und unveraenderten System grossgezogen. Ein System, das Gedankenfreiheit
nicht toleriert und einen bedingungslosen Gehorsam gegebueber den bestehenden
Regeln verlangt… 6/ In was fuer einer Welt, so verschieden von dieser,
koennten wir leben, wenn die Menschen sich nicht kriechend sondern in
Spruengen fortbewegen wuerden. 7/ Es ist hart, in dieser Welt zu leben,
Cyberpunk. 8/ Es ist als waere die Zeit stehengeblieben. 9/ Wir leben an dem
richtigen Ort, aber nicht zur richtigen Zeit. 10/ Alles ist so normal, die
Menschen sind alle gleich, auch ihre Taten. Als wenn die Gesellschaft das
Beduerfnis haette, in der Vergangenheit zu leben. 11/ Einige, die versuchen
ihre eigene Welt zu finden (die Welt eines Cyberpunks) und dies auch schaffen,
erbauen sich ihre eigene Welt. Erschaffen in ihren Gedanken veraendert sie die
Realitaet, legt sich ueber diese und laesst sie [die Cyberpunks] in einer
virtuellen Welt leben. Die Gedanken, auf der Realitaet aufgebaut. 12/ Andere
gewoehnen sich einfach an die Welt, so wie sie ist. Sie leben weiterhin in
ihr, auch wenn es ihnen missfaellt. Fuer sie gibt es nur die Moeglichkeit,
dass die Welt eines Tages aus der Leere hervorbricht und sich weiterbewegt.
13/ Was wir versuchen, ist die Situation zu veraendern. Wir versuchen die
gegenwaertige Welt unseren Beduerfnissen und Ansichten anzupassen. Die
passenden Mittel auszunutzen und den Abfall zu ignorieren. Wenn wir das nicht
koennen, so leben wir in dieser Welt wie Cyberpunks, so schwer das auch sein
mag; wenn die Gesellschaft uns bekaempft, dann halten wir dagegen. 14/ Wir
bauen unsere Welten im Cyberspace. 15/ Zwischen den Nullen und Einsen,
zwischen dem Informationsteilen. 16/ Wir bauen unsere Gemeinschaft. Die
Gemeinschaft der Cyberpunks.

Vereint Euch!

Kaempft feur Eure Rechte!

Wir sind die ELEKTRONISCHEN GEISTER, eine Gruppe von frei-denkenden Rebellen.
Cyberpunks.
Wir leben im Cyberspace, wir sind ueberall, wir kennen keine Grenzen.
Dies ist unser Manifest. Das Manifest der Cyberpunks.

14er Februar, 1997

Christian As. Kirtchev

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