Von Kindern, Kröten und dem Tod

Ich habe diese Geschichte oft erzählt, vielleicht zu oft, aber aufgeschrieben hab‘ ich sie nie. Ich erzähl sie immer mit einem humorigen Unterton, aber die Geschichte ist nicht witzig. Vielleicht ist es meine Art, das zu verarbeiten. Ich habe Massenmord begangen.

Wir waren Kinder, vielleicht 9 oder 10 Jahre alt. Es waren glaube ich Sommerferien. Hey, gibt es eine schönere Zeit im Leben als Sommerferien mit 9 Jahren? Wohl kaum. Wir haben jeden Tag gespielt, mein damals bester Freund und ich, wir durften raus, bis die Laternen angingen, was im Sommer ja ziemlich spät ist. Das war cool. Und: Wir waren gerne draussen, wir waren eigentlich nur draussen, den ganzen Tag, nur für eine halbe Stunde ging es nachmittags rein, denn da kamen Die Schlümpfe. Verdammte Schlümpfe.

Wir lebten nicht in der Stadt, unser Ort war ein kleines verträumtes Nest am Eagle River. Ne, garnicht wahr, unser verschlafenes Nest war Kücknitz, ein Stadtteil von Lübeck. Genauer: Stadtteil-teil Wallberg. Natur pur, nicht so wie dieses verschissene Stuttgart. Ich sag nur: Waldhusener Moor oder Dummersdorfer Ufer. Wer hier Kind sein darf, hat gewonnen. Jedenfalls, es gab viel zu entdecken in unserer Gegend, Mädchen waren noch doof und der Super Nintendo ließ noch 2-3 Jahre auf sich warten.

Beliebt war das Krötensammeln. Vordergründig ging es uns darum, möglichst viele Kröten über die Straße zu bringen, um sie vor den Gefahren des zunehmenden Automobilverkehrs zu retten, immer mehr dieser Blechkutschen bevölkterten dieser Tage die Straßen. Aber eigentlich wollten wir natürlich die Kröten beobachten, mit ihnen spielen, halt das Leben an sich entdecken. An unserem besten Tag haben wir glaube ich 200 Kröten gesammelt. Es können 50 mehr oder weniger gewesen sein, es waren jedenfalls alles noch ziemliche junge Hüpfer, sie passten in eine Plastikwanne. Wir haben die Wanne mit Gras und allerlei anderen Naturalien ausgelegt, so dass sich unsere Freunde wohlfühlen. Es war spaßig ihnen zuzusehen, wie sie übereinander stiegen, teils entwischten, wie sie sich anfühlten…

Aber: Jeden Tag ging es für eine halbe Stunde ins Haus, Schlümpfe gucken. Die Kröten wollten wir später weiter begutachten, wir haben die Wanne in die Gartenscheune meines besten Freundes gestellt und uns vor den Fernseher verdrückt. Wir waren interessiert an der Natur, von Zusammenhängen der Ökologie und dem Klima verstanden wir aber wohl nicht sehr viel.

Es dürften an diesem Tag wohl an die 30°C gewesen sein, im dunkelbraun-gestrichenen Gartenkabuff herrschten wahrscheinlich 50°C. Unsere Zeichentrickserie war nun vorbei, voller Freude und Zitronenbrause stürzten wir zurück zu unseren amphibischen Pflegekindern – und mussten feststellen, dass allesamt tot waren. Knochentrocken. Man hätte sie zerbrechen können, einfach ausgedörrt. Grausam. Wir haben sie begraben, aber ansonsten kein großes Gewese drum gemacht. Ich will jetzt nicht heucheln, dass wir jahrelang ein schlechtes Gewissen hatten, auch in diesen Moment war es eher eine kindliche Faszination.

Aber vielleicht hat es einen Grund, warum ich diese Geschichte immer wieder erzähle. Warum sie im Kopf hängengeblieben ist.

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6 Antworten zu Von Kindern, Kröten und dem Tod

  1. daycs schreibt:

    Ähm in einer halben Stunde, ganz schön krass.
    Würde sagen das war nen Massenmord, du bist nen Mörder der schlimmsten Art und Weise und das nur wegen son Crack-Schlümpfen *lach*

  2. Paul schreibt:

    Hm.
    Da mein Nachname Ablaß ist, vergebe ich dir hier deine Sünden. Du verstehst schon.

    Nun mal im Ernst: Ich denke nicht, dass man Kindern einen Vorwurf machen kann… Und ich denke mal, ihr beide habt etwas daraus gelernt. Oder irre ich mich?

  3. Sebastian schreibt:

    Naja, es gibt da noch eine zweite Geschichte, bei der ein Frosch ums Leben kam, auch irgendwie kurios und unabsichtlich. Vielleicht ein anderes mal.

  4. Dorfkinder/jugend.. das kenne ich auch und habe selbst viel, viel solcher Sachen erlebt, Hühner auf Dächer geworfen, Meerschweinchen im freien Laufen lassen (also mit Brettern umzäunt, die aber für Katzen kein Hinderniss sind), Katzen gebadet..was nicht alles. Erschreckend nur, dass die Erwachsenen damals recht hat und man so langsam zu diesen ganzen Arschlöchern gehört und versteht, dass die es eben „besser wissen“. Es war eine schöne Zeit, und aus der Selbstreflektion daraus lerne ich, dass ich erst im hohen Alter wehmütig zurückblicken sollte, jetzt bin ich noch jung und sollte es genießen. Trotzdem: Ein Hoch auf die Unbekümmertheit und Unwissendheit unserer Jugend!

  5. Lucky#Slevin schreibt:

    Das erinnert mich an Kakerlakenchips. Die werden getrocknet und gesalzen und gegessen, wie Chips halt. Irgendwie. Keine Ahnung. Du trägst keine Schuld! Die Kröten warens, hätten sich einfach nich fangen lassen sollen.

  6. Paul schreibt:

    Genau, und gesunde Wildschweine springen freiwillig vors Gewehr, weil sie erschossen werden wollen.

    Diese dummen suizidgefährdeten Tiere…

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